Strategische Interdependenz und Institutionendesign

Im Projektbereich A geht es um die konzeptionellen Kernfragen der Governance ökonomischer Systeme. Es soll eine auf den Methoden der Spiel- und Vertragstheorie beruhende Institutionenlehre entwickelt werden. Besondere Bedeutung erlangen dabei die Kontrakttheorie und das Design von Mechanismen, und hier insbesondere die Auktionstheorie, aber auch die Turniertheorie.

Während der ersten Bewilligungsperiode umfasste der Projektbereich A sieben Teilprojekte. Am Ende dieser Periode wird ein Teilprojekt, nämlich A6 (Shaked) ausscheiden. Zu Beginn der zweiten Förderperiode soll ein zusätzliches Teilprojekt, nämlich A8 (Heidhues/Rady) einbezogen werden.

In den meisten Teilprojekten des Projektbereichs werden Methoden des Mechanismus Design und der Vertragstheorie zur Analyse von solchen Allokationsproblemen entwickelt und verwendet, die durch Unvollständigkeit der Verträge, aber auch durch unvollständige und asymmetrische Information gekennzeichnet sind. Neben traditionellen Ansätzen kommen dabei zunehmend neuere verhaltenstheoretische Überlegungen zum Tragen. Die Theorie der sozialen Vergleichsprozesse erlangt dabei in mehreren Projekten eine prominente Stellung.

Die Teilprojekte im Projektbereich A lassen sich grob zwei Gruppen zuordnen. Einer ersten, in der die vertragstheoretischen Grundlagen weiter entwickelt werden; und einer zweiten, in der Methoden des Mechanismus Design, insbesondere die Auktions- und die Turniertheorie vorangetrieben werden. Zunächst zu den drei Projekten in der ersten Gruppe; es sind die Teilprojekte A1 (Bester), A4 (Rady/Schmidt) und A5 (Schweizer/von Hagen).

Im Teilprojekt A1 (Bester) werden konzeptionelle Grundlagen der Vertragstheorie bearbeitet. Als wichtiges Ergebnis aus der ersten Förderperiode wurde ein allgemeiner Rahmen für die Analyse von Vertragsproblemen bei unvollständigen Verträgen und asymmetrischer Information entwickelt. In Erweiterung bestehender Ansätze wurden dabei allgemeine Kommunikationsmechanismen verwendet. Unter bestimmten Annahmen über die Präferenzen der Vertragsparteien ist es möglich, bei der Lösung des Allokationsproblems für einen unvollständigen Vertrag dieselbe Methodik zu verwenden, wie sie aus der Literatur bei vollständigen Verträgen bekannt ist. Innerhalb der Anwendungen der Vertragstheorie spielt die optimale Zuweisung von Entscheidungsrechten in Organisationen eine zentrale Rolle, wenn die Entscheidungsrechte die Anstrengungen der Akteure beeinflussen. Die bisherigen Untersuchungen dazu sollen um die Betrachtung komplexerer Vertragssituationen erweitert werden.

Des Weiteren werden Mechanismen der Informationsgewinnung und –Verarbeitung untersucht. Diese Themen werden auch in anderen Teilprojekten aufgegriffen und sollen gemeinsam bearbeitet werden, so zum Beispiel in Projekt C5 (Kamecke/Röller) bei der Analyse der Fusionskontrolle. Aus diesem Grund tragen die Forschungsaktivitäten von Teilprojekt A1 (Bester) besonders stark zur Vernetzung innerhalb des Sonderforschungsbereichs bei.

Ähnliches gilt für das Teilprojekt A4 (Rady/Schmidt). Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Anreizstrukturen oft durch andere Mechanismen ergänzt werden, die deren Wirkungsweise wesentlich beeinflussen. So schafft das Marktumfeld, in dem die Parteien interagieren, zusätzliche Anreizeffekte. Insbesondere können aber auch soziale Vergleichsprozesse, Fairness und Reziprozität erhebliche Auswirkungen auf das Verhalten der beteiligten Parteien haben, was bei der Gestaltung der Anreizstrukturen berücksichtigt werden muss. Im Rahmen der Theorie der Ungleichheitsaversion wurde von den Mitarbeitern im Teilprojekt eine Fülle von viel beachteten Ergebnissen erzielt. Diese sollen speziell in Zusammenarbeit mit dem neuen experimentellen Teilprojekt C8 (Falk/Heidhues) ergänzt und erweitert werden.

Was die Interaktion mit dem Marktumfeld betrifft, so kommt die im Teilprojekt vorhandene Expertise schwerpunktmäßig auf den Märkten für Wagniskapital und auf Immobilienmärkten zum Tragen. In Vernetzung mit anderen Teilprojekten sollen künftig zusätzlich allgemeinere Fragen der Wettbewerbstheorie und -politik aufgegriffen werden. Neben den verhaltenstheoretisch orientierten Aktivitäten wird diese Erweiterung der Forschungsagenda die Kooperation mit anderen Teilprojekten zusätzlich beflügeln.

Auch im Teilprojekt A5 (Schweizer/von Hagen) werden Interaktionen untersucht, die auf unvollständigen Vertragsbeziehungen beruhen. Die Forschungsbemühungen zielen darauf ab, die Methoden der Vertragstheorie und des Mechanismus Design im Wechselspiel mit institutionellen Gegebenheiten weiter zu entwickeln und anzuwenden. Neben Transaktionen auf Märkten und in Unternehmen wird insbesondere auch die Zuordnung von Kontroll- und Entscheidungsrechten im innerbetrieblichen, aber auch im finanzpolitischen Bereich untersucht. Die Unvollständigkeit der Verträge eröffnet Entscheidungsspielräume, die nicht in einem regelfreien Raum auszuloten sind. Bei Markttransaktionen ist es u.a. das Schuldrecht, welche die Residualrechte definiert, im finanzpolitischen Bereich übernimmt die Finanzverfassung diese Aufgabe. Auch wenn sich die praktizierten Lösungen zum Teil unterscheiden, so vermittelt eine vergleichende Analyse doch wichtige neue Einsichten.

Methodisch und inhaltlich eng miteinander verknüpft sind weitere drei Teilprojekte von Projektbereich A, die sich mit Auktionen, und in Anlehnung daran mit Turnieren beschäftigen. Es sind dies die Teilprojekte A2 (Konrad), A3 (Moldovanu) und A7 (Wolfstetter).

Die Aktivitäten in Teilprojekt A3 (Moldovanu) beinhalten sowohl die Beantwortung von theoretischen Schlüsselfragen wie auch die Bearbeitung von anwendungsorientierten Fragen, die u.a. von der Entwicklung neuer elektronischer Kommunikationsformen aufgeworfen werden. So etwa wurde im Berichtszeitraum untersucht, welche Gleichgewichte von Multi-Objekt-Auktionen robust implementierbar sind. Bei den Anwendungen der Auktionstheorie fanden insbesondere auch die indirekten, empirisch belegten Anzeichen für stillschweigende Absprachen unter den Teilnehmern Beachtung – ein für die Wettbewerbspolitik interessantes Thema. Schließlich seien die ebenfalls erfolgreichen Forschungsbemühungen des Teilprojekts, die sich auf die optimale Architektur von Wettkämpfen und Turnieren beziehen, hervorgehoben.

In der zweiten Antragsperiode zielen die Forschungsbemühungen im Teilprojekt A3 weiterhin auf Auktionen und ihre Anwendungen, sowie Wettkämpfe und Turniere ab, wobei eine Fülle von Kooperationsideen mit Projekten in allen Projektbereichen umgesetzt werden sollen.

Auch bei Teilprojekt A7 (Wolfstetter) stehen Auktionen im Zentrum des Interesses. Die hier aufgegriffenen Fragestellungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit realen Auktionen, wie sie bei der Vergabe von Aufträgen in der privaten Industrie, der Beschaffung von Vorprodukten und komplizierten Dienstleistungen und bei der Vergabe von Nutzungsrechten an Funkfrequenzen durch private Mobilfunkbetreiber verwendet werden. Neben dem Mechanismus Design bilden die Industrieökonomik, die experimentelle Wirtschaftsforschung und Felddaten die Grundlagen der Untersuchungen. Es wird der Wettbewerb zwischen verschiedenen Marktregeln analysiert. Auch geht es um die optimale Lizenzvergabe durch einen Innovator, die Vergabe von Fördermitteln aus einem festen Budget, sowie um die Gründung und Auflösung von Partnerschaften. Die Forschungsaktivitäten des Teilprojekts erfolgen eng vernetzt mit denjenigen von Teilprojekt A3 (Moldovanu). Es ergeben sich jedoch eine Fülle von weiteren sehr konkreten Anknüpfungspunkten zu weiteren Projekten, so zum Teilprojekt B5 (Marin/Schnitzer) zur Rolle von Hierarchien in Unternehmen, zum Teilprojekt C2 (Harhoff/Stahl) zur strategischen Nutzung von Patenten, sowie zum Teilprojekt C6 (Stahl) zu verschiedenen Formen von Beschaffungsauktionen und ihren industriestrukturellen Konsequenzen

Methodische Grundlage der Arbeiten im Teilprojekt A2 (Konrad) ist die Theorie der Turniere. Diese Theorie wird im Teilprojekt weiterentwickelt und für verschiedene Fragestellungen zur Anwendung gebracht. Turnierartige Wettbewerbe werden in ihrer Wechselwirkung mit anderen Entscheidungszusammenhängen untersucht. Ebenso wird das Zusammenwirken verschiedener paralleler und sequenzieller Turnierwettkämpfe erforscht.

Auch in der zweiten Förderperiode soll die steuernde Rolle von Ressourcen verzehrenden Konflikten als Strukturelement in wirtschaftlichen, aber auch in politischen Prozessen im Zentrum der Forschungsaktivitäten des Teilprojekts stehen. Neben der Bedeutung gewaltsamer Eigentumskonflikte sollen Konflikte innerhalb demokratisch kontrollierter Regierungsteams sowie Konflikte bei Informationsbeschaffung analysiert werden. Diese Fragestellungen berühren die Thematik mehrer anderer Teilprojekte und stellen die Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb des SFB/TR 15 sicher.

In dem neu beantragten Teilprojekt A8 (Heidhues/Rady) soll komplementär zu der Thematik anderer Teilprojekte wie Teilprojekt A1 (Bester) oder C2 (Harhoff/Stahl) die strategische Erzeugung und Weitergabe von Information in Situationen des sozialen Lernens, des strategischen Experimentierens und der dezentralen Suche betrachtet werden. Dazu sollen die entsprechenden Modelle in ein Umfeld privater Information eingebettet werden. Anwendungsbeispiele sind Firmen, die im F&E-Wettbewerb stehen und aus den unscharf beobachtbaren Anstrengungen der Konkurrenten Rückschlüsse auf deren Fortschritte bei der Entwicklung einer neuen Technologie ziehen. Ebenso soll die Zusammenarbeit von Forschern in Forschungsteams unter dem Gesichtspunkt des strategischen Experimentierens erforscht werden. Bei dezentraler Suche schließlich geht es um Situationen, in denen die Beteiligten ohne Interessenskonflikt nach einer optimalen Lösung suchen, die Weitergabe aus (regulierungs-) technischen Gründen jedoch nicht möglich ist. Wirtschaftsprüfer und Beratungsunternehmen liefern hierfür Beispiele. Zum Thema des Teilprojekts, der Erzeugung und Enthüllung von Information ergibt sich eine Fülle von Anknüpfungspunkten zu weiteren anderen Teilprojekten.

Im auslaufenden Teilprojekt A6 (Shaked) wurde die Wirkung von Loyalität auf die Stabilität von Partnerschaften untersucht. In von der evolutionären Spieltheorie inspirierten Modellen wird zunächst das Entstehen von sozialen Präferenzen untersucht. In weiteren Arbeiten werden Bedingungen aufgezeigt, unter denen Gruppenleiter zwischen stark gegenüber weniger konkurrenzbetonten Gruppierungen entscheiden. Die Interessensparallele zu Mitarbeitern in den Teilprojekten A1 (Bester), A5 (Schweizer/von Hagen) und A7 (Wolfstetter) führte auch zu gemeinsamen Arbeiten.

Bereichssprecher

Prof. Dr.
Helmut Bester

FB Wirtschafts-
wissenschaft - Institut für Wirtschaftstheorie - Mikroökonomie

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